Das ist ein VG-Wort-Zaehlpixel

 

 

 

Worte, die den Ausschlag geben

 

Zugegeben: Das Web ist primär ein Augenmedium. Auch ich kann mich für geschmackvolle, ladezeitoptimierte Grafiken begeistern, die eine Aussage illustrieren, eine bestimmte und gewünschte Anmutung erzeugen, oder einfach "nur" die Navigation erleichtern. Gelungene Piktogramme können regelrecht "sprechen", sobald aber eine etwas komplexere Aussage transportiert werden soll, werden Texte unverzichtbar.

Mit Texten läßt sich so einiges erreichen. Wir können simple Fakten übermitteln, komplizierte Zusammenhänge verständlicher machen und mit einer sorgfältig aufgebauten Argumentation Meinungen erzeugen bzw. beeinflussen. Immer aber vermittelt ein Text dem Leser ein mehr oder weniger komplexes Bild desjenigen, der den Text verfasst hat. Kann der Autor seine Gedanken klar strukturieren? Weiß er, was er will, oder redet er um den heißen Brei herum? Vermeidet der Autor mit einer Anhäufung von Allgemeinplätzen eine Aussage, auf die man ihn festnageln könnte? Ist er sich seiner Zielgruppe bewusst? Und nimmt er diese ernst? Benutzt er Fremdworte im Übermaß, um fehlende Kompetenz zu überspielen? Sie sehen, mit Sprache kann man vieles ausdrücken und fast noch mehr falsch machen. Dass dem privaten Webmaster dies in der Regel verziehen wird, ist offenkundig und nur fair. Wer aber im Web seine Brötchen und vielleicht noch ein wenig mehr verdienen möchte, muss es sich gefallen lassen, dass man höhere Ansprüche an ihn stellt. Wenn das Design von einer der feinsten Agenturen stammt, die Texte aber auf die Schnelle von einem Praktikanten zusammengeschustert wurden, stimmt etwas nicht mit dem Webauftritt. Und das wird der Besucher merken.

Wo liegen nun konkret die Fallstricke beim Texten eines Webangebots. "In der Kürze liegt die Würze." Weitgehend hat dieser Ausspruch für Online-Texte Bestand, sind doch die Onlinekosten in Deutschland immer noch viel zu hoch und ist das Lesen am Monitor auch bei hochwertiger Hardware nicht unbedingt ein Genuss. Aber es gibt auch Webangebote die komplizierte Produkte und Dienstleistungen verkaufen wollen. Durch zu drastisches Kürzen könnten hier entscheidende Informationen verloren gehen. Die Lösung ist in diesem Fall, den Text optimal aufzubereiten. Ausreichender Kontrast zwischen Text- und Hintergrundfarbe, Maßhalten bei der Spaltenbreite, sinnvolle Abschnitte, Unterkapitel und eingängige Zwischenüberschriften erleichtern den Lesefluss enorm. Eine seitlich laufende Marginalspalte mit einigen wenigen, aber treffenden Stichwörtern und kurzen, knackigen Slogans kann dem Leser ebenfalls die Orientierung und das Auffinden von Textpassagen erleichtern. Nicht anzuraten ist es dagegen, Worte, wo es nur geht, mit kryptischen Zeichenfolgen abzukürzen. Was in einer Annonce legitim ist, wirkt im Fließtext störend bis peinlich. Wird auf die Auffindbarkeit durch Suchmaschinen Wert gelegt, sollten die wichtigsten "key words" bereits in den ersten Sätzen auftauchen. Auch die wichtigsten Synonyme sollten untergebracht werden. Oftmals kann man sich mit diesen Begriffen im Suchmaschinen-Ranking dann an so manchem Konkurrenten vorbeischieben.

Neben diesen webspezifischen Aspekten gibt es natürlich auch grundlegende Regeln für einen gekonnten Sprachgebrauch. Zum Beispiel die in Journalistenausbildungen gebetsmühlenartig durchgekaute "KLAVKA-Regel". Dieses Kunstwort steht für Klarheit, Lebendigkeit, Anschaulichkeit, Verstaendlichkeit, Knappheit sowie Angemessenheit. Um diese hohen Ziele zu erreichen, hilft in einem ersten Schritt oft schon die konsequente Vermeidung von Passiv und hölzernen Nominalkonstruktionen. Statt "wurde von unserem Team ein neuer Ansatz entwickelt durch den..." schreiben wir also besser: "hat unser Team einen neuen Ansatz entwickelt, der...". Einen weiteren Qualitätsgewinn bringen lebendige, treffende Verben. "Klirren, stürzen, jubeln, erzittern" lassen uns eine Schilderung viel näher gehen als Verben wie "beinhalten, sich befinden oder liegen". Füllworter machen es besonders hinterlistig: Immer wieder schleichen sie sich ein - ungeachtet der Schwüre eines Schreiberlings, sie nicht mehr zu verwenden. Verwenden Sie daher "eigentlich, nun, halt, an sich, ziemlich, relativ, einfach, dabei oder irgendwie" nur nach gründlicher Abwägung. Bringt das Füllwort einen zusätzlichen Informationswert oder steigert es zumindest die Verständlichkeit? Ansonsten ist die Devise kurz: streichen!

Auch die richtige Wortstellung ist immer wieder ein Diskussionspunkt. Generell sollte man auf eine gängige, flüssige Abfolge von Satzbausteinen achten. Manchmal jedoch ist eine ungewöhnliche Satzstellung ein probates Mittel, um die Aufmerksamkeit des Lesers zurückzugewinnen oder einen Satzteil hervorzuheben. Eine weitere und weit verbreitete Unsitte stellen Bandwurmsätze dar, wie sie uns aus juristischen bzw. ganz allgemein wissenschaftlichen Texten in unangenehmer Erinnerung sind. Mein Tipp: Sammeln Sie einmal die verschachtelten Sätze aus der eigenen Feder. Notieren Sie die Satzungetüme auf einem kleinen Zettel und lesen Sie diese bei der richtigen Gelegenheit, z.B. beim Treppensteigen, laut vor. Sie werden schnell merken, wo die richtige Stelle für einen zusätzlichen Punkt ist.

Apropos Lerneffekt: Vieles will einfach nicht in unsere Köpfe. So sprechen wir munter weiter von der "optimalsten" Lösung, obwohl doch "optimal" schon den Superlativ darstellt. Noch immer ist von "Unkosten" die Rede, wo doch die "Kosten" schon alles beinhalten. Fragt Sie jemand: "Was hat Sie eigentlich zur Kündigung bewegt?", meint er mit Sicherheit "bewogen". Die deutsche Grammatik ist nicht insofern schwierig, "weil" sie viele Ausnahmen und Sonderfälle kennt, sondern insofern, "als" viele Ausnahmen das korrekte Formulieren erschweren.

"Verflixte Sprache!" möchte man ausrufen. Und doch bietet sie dem ehrgeizigen Webmaster eine einmalige Gelegenheit: sich wohltuend von seinen Kollegen und Kolleginnen abzuheben.

© 1999 Jens Oliver Krystof

 

© 1998-2008 Jens Oliver Krystof, 
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