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Inneneindrücke eines Schreiberlehrlings Was haben das Deutsche Bergbau-Museum in Bochum und eine praxisorientierte Lerneinheit für angehende Technische Redakteure miteinander gemeinsam? Wie bitte, Sie wissen das nicht? Da hilft nur eines: Folgen Sie mir unauffällig. Ein gelegentlicher, verstohlener Blick über meine Schulter und etwas Kombinationsgabe werden das Geheimnis schon lüften. Leider sind wir etwas spät dran. Die 25-köpfige Gruppe wissensdurstiger Jungschreiberlinge in Sachen Technik hat soeben die obligatorische Führung durch das Demonstrationsbergwerk beendet. Ob sie wohl bleibende Eindrücke gewonnen haben? In ihre Gesichter ist jedenfalls nichts eingemeißelt, was darüber Auskunft gäbe. Lautlos heften wir uns an ihre Fersen. Doch - was ist jetzt? Die Gruppe löst sich auf, ein jeder scheint in eine andere Richtung auszuschwärmen. Die Lage erfordert blitzschnelle Entscheidungen. In Windeseile werden eine Zielperson ausgewählt und die Verfolgung aufgenommen. Ganz dicht dabei bleiben, ist das Motto der Wahl. Gaaaaaanz dicht. Ffffth. Verdammt, was ist passiert? Wirre Gedanken schwirren durch meinen Kopf. Wirre? Fremde! Sie sind fremd. Nein, ich bin fremd. Oh je! Gefangen im Körper eines Schreiberlehrlings. Ich gebe auf. Der Arbeitsauftrag ist ja ganz klar abgesteckt: eine Sache, die uns sehr beeindruckt, sehr interessiert, textlich wiedergeben. Das Textgenre ist frei wählbar. Auch Lyrik. Vielleicht Limericks? Quatsch. Erst einmal muss ein Thema her. Die Fülle der Eindrücke, die Vielzahl der Exponate, da müsste doch etwas dabei sein. Der Kohlehobel vielleicht, oder die Schrämwalze? Wenn ich ehrlich bin: Ich kann mich für keines der technischen Wunderwerke so recht erwärmen. Der kühle Charme der Maschinen lässt dies nicht zu. Zu tot und seelenlos ist ihr Innenleben. Unversehends bin ich in die Sonderausstellung für Bernstein gelangt."Tränen der Götter", welch poetischer Titel! Innenleben? Gibt es hier in der Tat. "Inklusen" ist das Stichwort. Darunter versteht man in Bernstein eingeschlossene Insekten oder Pflanzenteile. Halt! Am Anfang beginnen. Ist immer gut. Also: Nach der Entwicklung der modernen Pflanzenwelt im Tertiär entwickelten sich in der Kreidezeit, das heißt vor etwa 140-65 Millionen Jahren die so genannten "Bernsteinbäume". Diese sonderten ein duftendes und äußerst klebriges Harz ab. Der Wind wehte Insekten, Kleintiere und Pflanzenteile gegen das Harz. Ein so gefangenes Tier tauchte mit jeder Bewegung tiefer in das Harz ein, bis es schließlich vom Harz vollständig umschlossen war. Im Laufe der Jahrtausende wurde das Harz durch chemische Umwandlungsprozesse zum Bernstein und lieferte in Form der "Inklusen" heutigen Forschergenerationen wertvolles Anschauungsmaterial. Erst jetzt fällt mein Blick auf den Titel dieses Ausstellungsteils: "Fliegenfänger der Vergangenheit". Treffend, ja. Doch meine Gedanken beginnen abzuschweifen. William Goldings "Herr der Fliegen" kommt mir in den Sinn, dann "der Fänger im Roggen", die ungeliebte Englischlektüre. Ich kann mich nicht mehr konzentrieren. Mit raumgreifenden Schritten versuche ich, dem Chaos in mir zu entkommen. Schließlich finde ich mich in einem Seitenteil der Hauptausstellung wieder. Es geht um: Arbeiterbewegung, Arbeitsplatzerhalt im Bergbau, Arbeitsschutz. Mein Blick fällt auf ein Poster des DGB. Es zeigt ein vielleicht sechs Jahre altes, blondes Mädchen, das vor einer Mauer steht. Das Kind trägt eine weiße Bluse, die Ärmel aufgekrempelt. Ein Arm ist energisch in die Höhe gestreckt, hält fünf rote Nelken. Das Kind ist, jeder kann das sehen, glücklich. Der Gesichtsausdruck wirkt optimistisch, fordernd, auch ein wenig fragend. Was wollen die leicht geöffneten Lippen sagen? "Arbeit für alle!" In dicken Lettern, die beinahe zwei Drittel des Posters einnehmen, prangt dieser Slogan im Hintergrund. Arbeit für alle? Ich werde stutzig. Dieses Kind will Arbeit für alle. Auch für sich? Kinderarbeit: im Mittelalter gang und gäbe. Warum kommen mir jetzt die geschundenen Körper dieser Kinder in den Sinn? Nur im Mittelalter? Nicht auch heute in der "Dritten Welt"? Halt. Stopp. Das kann doch nicht gemeint sein. Natürlich nicht. Warum assoziiere ich dann so eigenartig? Die Sprache spielt einem so manchen Streich. Wie oft will man das Richtige sagen, bringt aber etwas ganz anderes rüber? Probleme über Probleme schon beim gut gemeinten Sprachgebrauch. Was aber erst, wenn Sprache gezielt eingesetzt wird, um zu täuschen, zu verführen? Gut ein halbes Jahrhundert nach dem zweiten Weltkrieg dürfen sich rechte Populisten und Demagogen wie Schönhuber oder Haider wieder auf dem verbalen Schlachtfeld tummeln. Und wir? Wir lassen uns fast widerspruchslos geistig vergewaltigen. Und unsere Sprache. Doch wer will den einzelnen Mitläufer verurteilen, wenn unsere Politiker, egal welcher Coleur, schlechten Beispiels vorangehen. Sie, die doch Vorbilder sein sollen, haben unsere Herzen vergiftet. "Asylantenschwemme", "soziale Hängematte", "Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort", "Freizeitpark Deutschland", "blühende Landschaften im Osten", "Asyltourismus", was haben wir uns nicht schon alles erzählen lassen. Sprache ist ein Geschenk. Entschuldigung. Wirklich, ich glaube das. Sprache ist Ausgangspunkt und Motor zugleich: für die Entwicklung der Gesellschaft, der Kultur, ja des einzelnen Menschen selbst. Fast ohne dass ich etwas gemerkt hätte, hat meine Hand dieses und jenes niedergeschrieben, Gedanken und Gefühle in Worte gefasst, Wörter zu Sätzen geschweißt. Und da steht sie nun: die Sprache. Ich blicke auf meine Aufzeichnungen. Die Gedanken logisch ordnen. Sätze strukturieren. KLAVKA. Noch ein wenig feilen. Der letzte Schliff. Es ist geschafft." |
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